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Jorge Montoya-Romani

«Wir müssen als Kirche wieder Farbe bekennen.»

Das Leben sei ein langer Lauf mit Durststrecken, aber immer wieder mit Passagen von beglückendem «Flow», findet Jorge Montoya-Romani. Er ist interkultureller Berater und Coach, aber auch Sozialberater in der Pfarrei St. Franziskus (Zürich-Wollishofen). Der passionierte Läufer wünscht sich eine Kirche, die neu startet und sich auf das besinnt, was sie im Innersten ausmacht.

Wenn man mich fragt, woher ich komme, dann antworte ich stolz «von Fribourg». Denn mittlerweile lebe ich seit über 33 Jahren in der Schweiz – 14 Jahre im Welschland, bald 20 Jahre in Zürich. Peru ist nach wie vor tief in meinem Herzen verwurzelt. Ich bin ein lebendes Kulturmosaik geworden. Meine Geschichte ist bunt.

Aufgewachsen bin ich in Lima, die Primarstufe absolvierte ich in der Schule der Ordensgemeinschaft des heiligen Jean-Baptiste de La Salle. Unsere Kirche stand im Zentrum des Schulareals. Das hatte auch symbolische Bedeutung: Die Kirche war das Zentrum des Schulbetriebs. Unsere Lehrer waren strenge Ordensleute, die Gottesdienste mit ihrer starren Liturgie fester Bestandteil unseres Schulalltags. Der Besuch der Messe war Pflicht. Wir wurden traditionell und konservativ erzogen. Sündige Menschen? Auf jeden Fall – selbst wenn wir noch kleine Buben waren.

Die Freiheit, die wir äusserlich nur sehr eingeschränkt besassen, fühlten wir früh innerlich. Man kann Menschen sagen, was sie denken und fühlen sollen, was aber im Herzen abläuft, ist unantastbar. So sangen wir zwar brav die Lieder in der Messe, mit unserer eigenen Inbrunst wurde es aber ein anderes Lied, unser ganz eigener Ausdruck. Wir brachen sozusagen aus dem Korsett aus – und fanden so Gott. Ganz persönlich, auf unsere Weise.

Später wechselte unsere Familie das Quartier. Die neue Sekundarschule war eine Offenbarung. Sie wurde von den Jesuiten geleitet, die uns auf Augenhöhe begegneten. Das drückte sich unter anderem darin aus, dass wir geduzt wurden. Nicht nur der Umgang war anders. Bei den Jesuiten erlebte ich eine Kirche auf Erden, zeitgenössisch, aus Menschen und für Menschen. Mein Erbe aus dieser Zeit? Vieles! Doch eines hat mich bis heute besonders geprägt: Hoffnung.

Die Hoffnung des Weihnachtsfestes und von Ostern, dies ist für mich nicht einfach Deko, sondern ganz lebendig. Eine Hoffnung, die sich jährlich immer wieder erneuert! Zudem ist das jesuitisch geprägte Konzept der Nächstenliebe Ankerpunkt für mein soziales Engagement. Sie lehrt mich, jedem Menschen mit der verdienten Aufmerksamkeit entgegenzutreten. Nicht nur mit meinen professionellen Tools, sondern auch mit meinem Innersten. Kurz gesagt: Mein Glaube lebt in jeder Faser meiner Seele. Dank den Jesuiten und dem heiligen Franziskus. Assisi ist meine spirituelle Oase geworden. Seit Jahren trage ich das Tau-Kreuz der franziskanischen Gemeinschaft auf mir. Durch alle Phasen des Lebens hindurch.

Krisen in meinem Leben? Natürlich. Wer hat die nicht. Bei Tiefschlägen im Leben gibt es immer wieder ein Bild aus meiner Kindheit, das vor meinen Augen auftaucht: Mein Vater sass in der Stube vor dem Fernseher. Peruanische Amateurboxmeisterschaften, die Emotionen gingen hoch. Der Mut der Kämpfer beeindruckte mich – dann beobachtete ich, dass Boxer getroffen wurden. Zu Boden fielen, benommen waren … sich aber wieder aufrappelten, auf die Beine kamen und weiterkämpften. Und doch noch gewannen. Eine weitere Metapher für mein Leben.

Einen solchen Tiefschlag erlebte ich während meiner Tätigkeit als Bildungsexperte bei der DEZA. Ich erfuhr, wie Mobbing einen fast zerstören kann. Ich verlor die Stelle, war arbeitslos, wurde fast ausgesteuert. Mein Leben war beinahe auf null gestellt. Was ich heute bin und tue, musste ich mir neu erarbeiten. Schritt für Schritt. Mit meinem Glauben und der erwähnten Hoffnung war mir dies möglich.

Ob ich mich mit «meiner Kirche» identifizieren kann? Einerseits jein, anderseits jein. Spass beiseite: Ich tue mich schwer. Ich beobachte die Krise der Kirche einerseits und mache mir auch Gedanken darüber, welchen Kurs die Kirche in unserer «entwickelten» und postmodernen Gesellschaft eingeschlagen hat. In meinen Augen hat sich die Kirche während der letzten Jahrzehnte selbst verloren. Oder besser gesagt: Sie verliert ihre «Identität» aus den Augen. Das, was sie im tiefsten Kern ausmacht, ihre spirituellen Inhalte. Oft scheint mir, dass die angesagte gesellschaftliche Korrektheit fast am wichtigsten ist: Nur ja nicht zu kirchlich, nur ja nicht zu katholisch wirken!

Nichts gegen Freizeitangebote von Pfarreien. Nur: Mit solchen Angeboten werden wir einfach zu einem weiteren GZ im Quartier, oft sogar mit einem weniger guten Angebot. Unser Fundament, nämlich Kirche zu sein, und unsere Spezialität, das Spirituelle als menschliche Nahrung anzubieten, rücken so bis zur Unkenntlichkeit in den Hintergrund. Wir verleugnen uns so, werden austauschbar. Aber für wen? Wem kommt dies zugute?

Unsere Kirche schreibt laufend ihre eigene Biografie. Voller Fehler, voll von Gutem, nicht perfekt, weil sie aus Menschen besteht. Trotzdem: Sie gab mir viel und sie gibt mir immer noch viel. Zwischen den beiden Polen von Beliebigkeit und Dogmatismus gibt es gewiss neue, unerforschte Wege, um unsere Identität neu zu gestalten.

Wäre die Kirche ein Unternehmen, das sich vorwärts, auf die Zukunft ausrichtet, müsste sie sich an dieser Stelle ihrer Geschichte eine Vision geben. Ja, ich weiss: Solche Gedanken sind heikel geworden in der Kirche. Nur: Man muss und will doch wissen, wer man ist und wer man sein möchte, was man tun will und warum und wie man diese Ziele erreichen kann, oder?

Ich, wir und alle anderen Menschen streben nach Glück, nach Er- leuchtung und reiben uns an der Frage, wie dies gelingen soll. Nächstenliebe und Solidarität braucht es heute mehr denn je. Nicht als Schlagworte, aber als Bausteine für unser Leben miteinander. Alleine diese zwei grundsätzlichen Werte für das Zusammenleben sichern uns einen Weg, dem eigenen Leben eine Struktur zu geben, die spirituell trägt.

Wir haben als Kirche der Gesellschaft etwas zu geben. Mehr als nur Rücksicht, nicht anzuecken! Wir Menschen sind alle Gemeinschaftswesen. Alleine, trotz Macht, Vermögen oder Besitz, erreichen wir nichts Nachhaltiges. Mit unsern Grundprinzipien Nächstenliebe und Solidarität – mais, attention: à la sauce chrétienne! – tragen wir als Kirche ausschlaggebend dazu bei, dass unsere gewonnene christliche Menschlichkeit nicht verloren geht. Dazu müssen wir aber dafür einstehen. Mit allem, was uns ausmacht. Unsere Geschichte mit Licht und Schatten, das Evangelium als roter Faden, der zeitgemäss ausgedrückte Glaube an Jesus und eine notwendige Vision gehören dazu. Daraus soll frische «katholische Nahrung» entstehen, die auch in der modernen Zeit ihren Platz findet. Es liegt an uns, wie wir dies vermitteln.

Traue ich diesen Wandel der Kirche zu? Ich denke gerne in Bildern. Meine Leidenschaft ist das Laufen. Seit 35 Jahren schnüre ich mir die Schuhe und laufe los. Das Laufen ist für mich Besinnung und auch Gebet, ich bete also und bin unterwegs. Unterwegs sein heisst aber auch: Seitenstechen oder schwere Beine zu haben, aber auch in den berühmten Flow zu kommen, der das Laufen, ja, göttlich macht.

Was ich damit sagen will: Wichtig ist, dass man startet. Noch wichtiger ist aber dann, dass man mit dem Ziel vor Augen auch Ausdauer, Überzeugung und Hoffnung an den Tag legt. Wir sollten endlich neu starten. Und laufend Farbe bekennen.

«Wir haben der Gesellschaft etwas zu geben – mehr als nur Rücksicht, nicht anzuecken!»

Monika Bieri
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Jorge Montoya-Romani
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Patricia Schnyder
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Marcel von Holzen
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Stella Vondra
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