Titelbild_Jahresspiegel2019KatholischStadtZuerich

Marcel von Holzen

«Warum nicht auch Biodiversität im Garten des Glaubens?»

Als Dekan ist Marcel von Holzen seit 2018 Vorsteher der 23 Stadtzürcher Pfarreien sowie ihrer Priester und Seelsorgenden. Als solcher sieht er sich nicht als «Controller» der Hierarchie, sondern als Brückenbauer in einer immer bunteren Gemeinschaft von Kirchenmitgliedern, Gläubigen – und «Ungläubigen».

Braucht es mich in der klassischen Rolle überhaupt noch? Oder geht es auch ohne mich? Die Frage mag rabiat erscheinen, aber ich habe sie mir ohne Angst gestellt. Das Leben in einer Stadt verändert sich in kürzester Zeit. Alles ist einem stetigen Wandel unterworfen. Auch die Kirche. Wenn wir über die Rolle der katholischen Kirche in der Stadt Zürich nachdenken, nützen Bezüge zu früher nicht viel.

Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, an das Aufwachsen in der Pfarrei Allerheiligen, dann erfüllt mich dies heute noch mit warmen Gefühlen. Das war eine Heimat mit wiederkehrenden Gesichtern. Mit Menschen, die man in der Pfarrei wie auch sonst im Quartier traf. Ein Mix quer durch alle Generationen. Das ist aber Geschichte.

Umso wichtiger sind mir daher regelmässige Ausblicke über die engen Grenzen des Gewohnten hinaus – etwa in die grosse Weltkirche! Das befruchtet und vermeidet eine beengende Nabelschau. Wir müssen als Kirche im übertragenen Sinne grösser denken. Die Stadt kann man als einzige Pfarrei verstehen. Denn es besteht zwischen der Stadt und den Pfarreien eine Wechselwirkung, der wir uns nicht entziehen können: Die Stadt verändert sich und mit ihr auch unsere Pfarreien – ob wir es wollen oder nicht.

Veränderung braucht Zeit. Mir hilft es bei der Arbeit, auch auf meine persönliche Geschichte zurückzublicken. Der Beginn meiner Tätigkeit als Priester fiel in die Ära von Bischof Wolfgang Haas in den 90er-Jahren. Es war jene Epoche, die die Zürcher Kirche in schwere Grabenkämpfe stürzte. Da ich in Chur studiert hatte, haftete mir das kritische «Haas»-Etikett an. Ich hatte mit vielen Widerständen zu kämpfen, ich spürte die anfängliche Skepsis und die Vorurteile, die mir entgegengebracht wurden.

Wenn man neu als Priester beginnt, ist man wie jeder junge Mensch stark von Idealen beseelt. Ideale, die sich zuerst in der Realität bewähren müssen. Nicht alles bewährt sich, einiges erfährt eine Justierung oder fällt gleich ganz weg. Bei mir wandelte sich das ursprüngliche Glaubensbild.

Mein Glaube ist nicht mehr starr an die Institution, an die Kirche als Heilsanstalt gebunden, er lässt heute mehr Platz für andere Glaubensbilder zu. Dabei motivieren mich auch die verständlichen Botschaften von Papst Franziskus und sein Aufruf, regionale Probleme auch regional zu lösen. So stelle ich mir Kirche vor: nah bei den Menschen von heute!

Für mich war der Wandel auch das Abstreifen eines Korsetts von Vorstellungen. Glaube schliesst für mich heute viel mehr mit ein als rigide kirchliche Vorschriften. Unser Alltag ist derart vielfältig geworden! Man muss sich vor Augen halten: Vor 70 Jahren war der Brückenschlag von katholisch zu reformiert eine Dimension wie heute zu Religionen wie Buddhismus oder Islam. Damals in der Breite unvorstellbar, im Zürich von heute aber eine Realität. Unsere Stadt ist global.

Zurück zu meiner Frage: Braucht es mich noch? Die Frage bezieht sich im ganzen Kontext auf die Frage: Welche Form von Amtsträger braucht es in der heutigen Zeit? Als Priester und als Dekan habe ich eines in den letzten Jahren realisiert: Zur Selbstverwirklichung taugt das Amt eines Dekans nicht. Es braucht Kompromisse von mir, ich übe mein Amt als Dienst an der Gemeinschaft aus. Eigentlich bin ich ja Kirchenbeamter, ein «Bediensteter». Ja, doch! Wir sind dafür in der sehr komfortablen Situation, dass wir uns auf die Einnahmen der Kirchensteuer verlassen können – obwohl dies im Grunde genommen im Widerspruch zum Evangelium steht.

Wichtig ist für mich, für die Menschen da zu sein und die Frohbotschaft Jesu ins Spiel zu bringen. Dazu haben wir zahlreiche Möglichkeiten: Unsere Kirche hat heute verschiedene Farben. Eine Monokultur wie früher wünsche ich mir auf keinen Fall zurück. Vielmehr soll ihr katholisch-apostolisches Wesen lebendig pulsieren. Gerne vergleiche ich unsere Kirche mit einem vielfältigen Garten in einem riesigen Park. Der Park als symbolisches Bild für das Leben in einer bunten Stadt Zürich. Die Kirche als Garten, der zum Entdecken einlädt.

Dieses «Dasein» erfordert zugegebenermassen immer mehr von uns. Zu viel? Stelle ich mir die Kirche als einen Menschen in einem Seelsorgegespräch vor, dann würde er mir wohl von einem Burnout klagen: allen Ansprüchen genügen wollen und doch niemanden zufriedenstellen können.

Seien wir realistisch: Wir können nicht alles anbieten und tun. Wir können aber immer wieder den Menschen mit Empathie aufzeigen, dass das Leben nicht einfach ein Zufall ist. Dass da ein guter Gott ist, der uns ein Leben zutraut, vor dem wir keine Angst zu haben brauchen. Ein Leben als Geschenk, mit allen Höhen und Tiefen.

Die grosse Bewegung um Greta Thunberg zeigt, was viele Menschen antreibt, gerade die jungen: einstehen für die Umwelt – also die Schöpfung – zusammen und weltweit mit anderen Menschen. Eigentlich ganz katholisch: eine globale, umfassende Gemeinschaft, die sich in ihrem Glauben und ihren Werten verbunden fühlt.

Warum dieser dynamische, jugendliche Funke nicht auf die Kirche überspringt? Wir haben neben den Skandalen klassische «Out»-Themen: unsere Sexualmoral oder die Stellung der Frau. Das stellt für viele einen Stolperstein dar, um einen Schritt auf die Kirche zuzugehen. Andere innerhalb der Kirche sehen dies gerade als Stärke, als Alleinstellungsmerkmal in der heutigen Zeit. Nach dem Motto: Wir rennen nicht jedem Trend blind hinterher. Das steht dann in scharfem Widerspruch zur heute schon fast neoliberalen Haltung vieler Menschen: Ich mach, was ich will und was mir guttut. Ein grosser Bogen.

An der Wichtigkeit, die die Frage um die Ernährung gewonnen hat – vegetarisch, vegan, bio – lässt sich zudem ablesen, wie fest sich Menschen heute mit einer Haltung identifizieren wollen. Oder es dann lieber bleiben lassen. Die katholische Kirche spürt dies stark in den Pfarreien: Über das Bleiben oder den Austritt aus der Kirche entscheidet weniger das Befinden in der Pfarrei als vielmehr das Erleben der fernen Amtskirche und ihr Verhalten in der Öffentlichkeit.

Der Stadt-Land-Unterschied kann nicht kleingeredet werden. In der Stadt Zürich gibt es für alles – auch für die Spiritualität – eine Vielzahl von Angeboten. Sich als «Anbieter» bemerkbar zu machen, ist eine Herausforderung. In einem Dorf sind die Kirchenglocken leichter zu hören und Pfarreifahnen und -schaukästen unübersehbar. Die Stadt dagegen ist ein Panoptikum mit vielen Reizen, Tönen, Botschaften und Farben.

Wo sehe ich unsere Chance? Mehr Vernetzung mit anderen Partnern. Mit der reformierten Kirche in der Ökumene, im Quartier mit den Vereinen und den Gemeinschaftszentren. So haben wir den Freiraum, uns auf unsere Stärke, die Spiritualität und die Sorge für die Menschen, zu konzentrieren.

Es ist eine grosse Erleichterung, dass wir endlich mit Joseph Bonnemain wieder einen Bischof haben. Eine so grosse Organisation wie die Kirche darf und kann nicht führungslos durch die Welt gondeln. Es liegt an der Kirche, dass sie jetzt den nächsten Schritt zu den Menschen hin macht. Ja, auf den neuen Bischof kommt eine gewaltige Aufgabe zu. Es gilt verloren gegangenes Vertrauen wieder aufzubauen und ein neues Miteinander zu wecken. Wenn dies aber gelingt – mit der Unterstützung von uns allen! –, werden wir die damit verbundenen Anstrengungen als kraftvollen Aufbruch erleben.

«Glaube schliesst für mich heute viel mehr mit ein als rigide kirchliche Vorschriften.»

Monika Bieri
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Jorge Montoya-Romani
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Patricia Schnyder
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Marcel von Holzen
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Stella Vondra
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