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Monika Bieri

«Ich teile mit anderen Menschen eine gemeinsame Sehnsucht.»

Monika Bieri ist seit August 2019 als Leistungsassistenz in der Pfarrei St. Anton (Zürich-Hottingen) tätig. Die Erfahrungen der Corona-Krise haben sie darin bestätigt, dass eine Pfarrei nach wie vor ein wichtiger Pfeiler in einem Quartier darstellt. Die sich anbahnenden Veränderungen für die Kirche sieht sie nicht nur mit Skepsis. Vielmehr sieht sie darin auch Chancen für eine neue Dynamik.

Kirchenfunktionärin, oh, das klingt schrecklich! Bin ich das jetzt? Scheint so. Ja, das hätte ich mir in den 80er-Jahren nie vorstellen können. Auch der Gedanke, einmal für die Kirche zu arbeiten, stand damals überhaupt nicht im Vordergrund. Nicht weil mich die Themen nicht interessiert hätten, im Gegenteil. Darum habe ich schlussendlich ja auch Theologie studiert. Aber darauf musste mich zuerst eine Berufsberaterin bringen.

Meine ursprüngliche Absicht ging in Richtung eines Geschichts- und Germanistikstudiums, denn Literatur sprach mich sehr an. Darin spiegelten sich für mich die Themen des Lebens, gepaart mit intellektueller Auseinandersetzung. Das war stimmig für mich. Bis ich eben in die Studienberatung ging und die Beraterin meinte: «Germanistik und Geschichte? Dann werden Sie Gymi-lehrerin. Davon gibt es schon genug!» Da mich die Nähe der Theologie zu Geschichte und Philosophie ansprach, entschied ich mich tatsächlich für das Theologiestudium. An der Uni Luzern und in Münster, von 1992 bis 1997, studierte ich bis zum Lizenziat. Das Studium war für mich eine interessante, aber auch spannungsreiche Zeit; trotzdem habe ich es nie bereut.

Nach dem Studium stellte sich dann aber die Frage: Wie weiter? Als Pastoralassistentin in einer Pfarrei sah ich mich weniger. Religionsunterricht geben? Mit dieser Aussicht tat ich mich schwer. Glaube ist für mich nicht einfach so «lehrbar», er hat für mich mit Wissen und persönlichen Erfahrungen zu tun. Wohlverstanden: Ich brauche für mich keine wissenschaftlichen Beweise, um einen Glauben an Gott leben zu können. Wissen zu vermitteln, war für mich trotzdem ein plausibleres Unterfangen, als Glauben weiterzugeben. Auf jeden Fall fand ich für mich einen idealen Weg als Lehrerin für Religionskunde und Ethik an den Gymnasien in Zug und Luzern. Es kam mir auch nicht ungelegen, dass ich somit vom Staat und nicht von der Kirche angestellt wurde.

Mein erstes Bild von Kirche, das sich in mir festgesetzt hat? Ein warmes Bild: Weihnachtsmesse, viele Menschen, die zusammenkommen und singen, feiern. Meine Eltern stammen aus der Innerschweiz; ich bin katholisch aufgewachsen. Nein, nicht streng katholisch, es gehörte einfach dazu. Ich war in der Jugendgruppe der Pfarrei, nahm am Gemeinschaftsleben und an der Jugendarbeit im Bezirk Fricktal aktiv teil. Ich sah dort, dass ich mich als junger Mensch in die Kirche einbringen konnte und ernst genommen wurde.

Was Glaube für mich ist? Uff … das lässt sich nicht so leicht in Worte fassen. Die Bedeutung des lateinischen Wortes «religere», also «rückbinden», fasst es gut zusammen: Mein Glaube bestärkt mich immer wieder im Gefühl, dass etwas grösser, tiefer und höher über mir ist. Etwas, das Trost, Glaube und Hoffnung ausdrückt und an dem ich mich festhalten kann. Das ist meine tiefe Überzeugung, die ich in all den Jahren, mit allen Bewegungen in meinem Lebenslauf, nie verloren habe. Als Mitglied der Kirche fasziniert und berührt mich der Gedanke, dass ich mit vielen Menschen aus der Vergangenheit und in der Gegenwart eine gemeinsame Glaubensgeschichte habe, eine gemeinsame Sehnsucht. Das ist etwas ganz anderes, als einfach individuell zu glauben und zu suchen.

Eine Glaubenskrise hatte ich in dem Sinne nicht. Es gab in meinem Leben verschiedene Phasen, in denen ich nicht mehr so häufig den Weg in die Kirche fand. Während den zwei Jahren in den USA oder während der Kleinkinderzeit meines Sohnes drängten sich andere Themen in den Vordergrund. Auch fehlte die Zeit. Aber es hat sich an meinem Erleben nichts verändert.

In meinem Bekanntenkreis habe ich viele kirchenkritische oder kirchenferne Menschen. Es gibt natürlich Diskussionen, beispielsweise um die Missbräuche … Klar sind die Missbräuche eine schreckliche Ungeheuerlichkeit. Da verteidige ich gar nichts. Und sicher, es gibt Reformbedarf in einigen Punkten. Dann sage ich offen: Ja, die Kirche ist alles andere als perfekt. Sie ist ein Verbund von vielen Menschen, der kann nicht perfekt sein, da passieren Fehler. Leider auch sehr schlimme.

Neben meinem 60-Prozent-Pensum in der Pfarrei St. Anton arbeite ich noch zu 20 Prozent in der Geschäftsführung der Deutschschweizerischen Ordinarienkonferenz und bin Protokollführerin des kantonalen Seelsorgerats. Überall stosse ich dabei auf Menschen, die mich beeindrucken oder deren Austausch mich anregt. Dieses Netzwerk aus Menschen gibt mir immer wieder den Glauben an «meine» Kirche zurück. Manchmal ist es zwar frustrierend, dass es Themen gibt, die immer noch auf eine Lösung warten. Ich selber reibe mich allerdings nicht mehr in gleichem Masse an gewissen Problemen wie in jungen Jahren, wie zu Zeiten des Studiums. Diese Haltung kommt auch ein Stück weit aus der Erfahrung meiner Zeit in den USA: positiver, offener sein. Besser versuchen, andere Menschen mit ihren Meinungen zu verstehen, ohne sie gleich verändern zu wollen. Ich will ja auch keinen Einheitsbrei, sondern eine vielfältige Kirche.

Katholisch zu sein bietet mir sehr viele Möglichkeiten zu glauben. Obwohl viele Aussenstehende katholisch als starr und einengend empfinden, sehe ich darin viel Freiraum. Die Kirche und ihr Glaubensleben können Anhaltspunkte geben, wie das persönliche Leben gestaltet werden kann, aber nicht muss. Niemand kontrolliert, wie ich lebe.

So gesehen müsste das «Angebot», katholisch zu leben, auch in der aktuellen Zeit vielen entsprechen. Zahlreiche Menschen suchen doch nach einem Kompass, nach etwas Verlässlichem, das sie bestärkt, und nach Trost. Es scheint aber, dass das negative Image der Kirche aus der Vergangenheit weiter nachhallt. Warum gelingt es uns als Kirche nicht, den Menschen zu vermitteln: Das war früher, wir sind heute eine andere Generation? Wir werden künftig viel Neues ausprobieren müssen.

Das Projekt «Katholisch Stadt Zürich 2030», das neue Wege für die Kirche in der Zukunft sucht, geht für mich in die richtige Richtung. Es ist notwendig, sich mit den aktuellen Entwicklungen auseinanderzusetzen. Zu hoffen bleibt, dass viele Anstrengungen und Impulse aus dem Projekt «2030» nicht im innerkirchlichen Geflecht versickern.

Gesundschrumpfen? Das kann der positive Aspekt sein. Eine Kirche mit weniger Mitteln hätte nicht zuletzt eine andere Ausrichtung: weniger eine Kirche mit Angeboten für die Menschen als eine Kirche, in der Menschen zusammen Angebote selber tragen. Eine «Mitmach-Kirche» im besten Sinne. Für alle würde dies ein grösseres Engagement erfordern. Muss dies schlecht sein? Ich denke nicht. Selbst wenn ein Verkleinerungsprozess immer schmerzhaft ist.

Die Kirche als Bewahrerin eines Freiraums im Leben und auch in der Stadt ist mir wichtig. Sie hält einen Ort frei, an dem Werte wie Nächstenliebe, Demut, Dankbarkeit und Hoffnung zentral sind – daran glaube ich auch mit Blick in die Zukunft. Das erlebte ich in diesem Jahr mit Corona umso mehr. Wo alle Verbindungen gekappt wurden, wo Leute plötzlich einsam und von der Welt abgeschnitten waren, konnten wir als Brückenbauer für die Menschen da sein. Mit allen Einschränkungen und Hindernissen.

Wohin mein persönlicher Weg führen wird? Das kann ich nicht sagen. Die Kirche wird für mich aber immer eine Art sicherer Hafen bleiben. Ausgangspunkt und Haltestelle in meinem Leben. Das ist ein gutes Gefühl. Schliesslich ist das Leben immer wieder ein Aufbrechen, Suchen – und Ankommen. Bis man wieder aufbricht.

«Wir dürfen mit gutem Grund hoffen, dass Gott sich weniger um unsere Schwächen schert als um unsere Stärken.»

Monika Bieri
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