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Patricia Schnyder

«Die Neugier lässt mich immer wieder finden.»

Ein herzlicher Händedruck führte Patricia Schnyder in die Pfarrei St. Josef (Zürich-Industrie), wo sie sich heute wie in einer Familie zu Hause fühlt. Dort bringt sich die Kommunikationsfachfrau jetzt in der Kirchenpflege mit ihrem Know-how ein, und im Rahmen des Reformprogramms «Katholisch Stadt Zürich 2030» auch für die ganze Kirche in der Stadt Zürich. Was ein spontanes Kompliment doch alles auslösen kann!

Der Rahmen dieses Händedrucks waren die 100-Jahr-Feierlichkeiten der Pfarrei St. Josef. Das war 2014. Zu diesem Anlass wurde ein Magazin publiziert, von dem ich sehr angetan war. Und als ich dem damaligen Kirchenpflegepräsidenten Werner Sieber nach seiner feierlichen Rede über den Weg lief, gab ich ihm deshalb die Hand und wollte ihm eigentlich nur zur Publikation gratulieren. Eigentlich. Denn er meinte: «Warum schauen Sie nicht einmal bei uns in der Kirchenpflege vorbei?» Dann war ich drin in der Pfarrei. Und blieb.

Im Kreis 5 war ich erst seit kurzer Zeit wohnhaft, die Kirche hatte ich schon wahrgenommen, auch die Messe besucht. Damit war ich aber eher Zaungast und alles andere als ein aktives Pfarreimitglied. Dabei wäre ich doch von meiner Herkunft her prädestiniert dazu gewesen: Meine Mutter stammt aus dem französischen Wallis, mein Vater aus dem Kanton Schwyz, die katholische Kirche gehörte in meiner Kindheit einfach dazu, auch wenn ich in Kilchberg am Zürichsee aufgewachsen bin.

So besuchte ich also nach diesem denkwürdigen Händedruck neugierig und interessiert eine der Kirchenpflegesitzungen von St. Josef. In meinem Leben ist es immer wieder die Neugier, die mich neuen Dingen zuführt und mich neue Lebensfelder entdecken lässt. Vielleicht war es aber St. Josef, der mich aufspürte, wer weiss?

Auf jeden Fall war ich als Gast an dieser Sitzung beeindruckt, wie viele Themen in der Kirchenpflege auf den Tisch kommen: Gebäudepflege, Finanzen, Personal, Pastorales – und nicht zuletzt Kommunikation. Also genau mein berufliches Fachgebiet. Es lag auf der Hand, dass ich St. Josef mit meinem Know-how würde unterstützen können. Und auch wollte.

Ja, es gibt viele nützliche Verbindungen und Organisationen, für die man sich engagieren könnte, selbst im Kleinen vor der Haustüre. Ich war einige Zeit Mitglied des Gewerbevereins im Kreis 5 und habe da interessante Menschen kennengelernt. Es war sehr gesellig, mir aber schliesslich etwas zu politisch, zu wenig konkret. Ich bin eher anpackend, um schnell etwas in Bewegung zu bringen. In St. Josef stimmt es für mich – nicht zuletzt, weil es sinn-voll und sinn-stiftend ist. Auch lässt mich diese Tätigkeit immer wieder Neues entdecken und erforschen. Der Glaube ist doch ein grosses Suchen-Finden, oder?

Diese Neugier bewog mich auch vor einigen Jahren, den Kurs «Wie geht katholisch?» des Generalvikariats zu besuchen. Nicht, weil alles Neuland gewesen wäre. Vielmehr trieb mich die Frage um: Steckt da mehr dahinter, als ich weiss? Mir ist nicht erst in diesem Kurs klar geworden, dass mein katholischer Glaube mich das ganze Leben begleitet und geprägt hat. Ich spüre, wie sich mit dem Kurs und der Tätigkeit in St. Josef ein Kreis seit meiner Kindheit schliesst.

Natürlich ist nicht alles heile Welt und die Kirche alles andere als perfekt. Auch wir sind uns nicht immer einig, das braucht es. Ohne Auseinandersetzung entstehen keine Lösungen. Diesen nicht ganz einfachen Prozess sollte die Kirche in der jetzigen Krise vermehrt wagen. Viel Gewohntes muss überprüft werden. Was keinen Sinn mehr macht, muss losgelassen werden.

Seit ich mich für die Kirche in St. Josef engagiere, ist mir bewusst geworden, in welch dichten Strukturen mit Vorschriften und Gremien sich die Kirche in der Stadt Zürich bewegt. Die Kontrollmechanismen sind sehr stark – etwas mehr Kirche und etwas weniger Amtsschimmel würde guttun, nein: wäre notwendig.

Gleichzeitig ist diese Struktur aber auch Ausdruck eines faszinierenden Umstands: In Zürich wird die katholische Kirche durch das duale Prinzip der zwei Säulen getragen: der staatskirchenrechtlichen und der kirchenrechtlichen Säule. Diese Form ist eine Einladung an jedermann – auch für Laien –, die Kirche mitzugestalten, mitzureden. Die Steuergelder bilden einen Sockel, auf dem unglaublich vieles an kirchlichen Aktivitäten möglich ist. Dass diese Mittel, bzw. die Vergabe und die Verwaltung der Finanzen, seriös kontrolliert sein wollen, liegt auf der Hand.

In der Kommunikation gibt es den englischen Begriff USP, die «Unique Selling Proposition». Das heisst auf gut Deutsch: das Kernstück, das, was eine Organisation oder ein Produkt einzigartig macht. Das Besondere, das eigen und anderswo nicht anzutreffen ist. Man sagt gemeinhin, wer nichts Einzigartiges hat, wird vergessen gehen.

Nun, was macht die katholische Kirche aus? Sicher der Halt, den sie bieten kann. Dass man durch den Glauben getragen wird. Gewiss, das wird anderswo auch in irgendeiner Form angeboten. Nur in der Kirche erlebt man das in einer Gemeinschaft, man wächst zusammen und man wächst gemeinsam. Das ist kein einsamer Gang durchs Leben. Das ist vielmehr eine Bewegung, die in mir und gleichzeitig ebenso bei anderen Menschen etwas in Bewegung setzt. Ich bin mir sicher: Die katholische Kirche hat den Menschen etwas zu bieten. Vielleicht suchen sie nicht explizit die katholische Kirche als «Konstrukt», aber das, was sie im Innersten ausmacht.

Ein Engagement in der Sonderkommission des Projekts «Katholisch Stadt Zürich 2030» hat mich interessiert. Eine Kirche für die Zukunft, die neue Wege geht? Mit Ideen von unten, aus den Pfarreien und Kirchgemeinden? Spannend. Zumal ich mir immer wieder zu diesem Thema Gedanken gemacht habe. Soviel ist klar: Einfach wird es nicht. Wenn wir uns die Altersstruktur einer Pfarrei ansehen, dann ist es offensichtlich: Im Alter von 30 bis 50 Jahren klafft eine Lücke. In diesem Altersbereich verlieren wir viele Menschen bzw. den Kontakt zu ihnen.

Wir tun gut daran, unsere Angebote in den Pfarreien gründlich zu überdenken: Was machen wir überhaupt und warum? Es braucht die richtigen Angebote, damit wir auf die Menschen zugehen können. Wir müssen untereinander in der Kirche vermehrt aufeinander zugehen, uns abstimmen. Wir sollten auch viel mehr Synergien nutzen. Die Bildung von Kompetenzzentren könnte zu neuen Wegen führen, die Kräfte bündeln: ein Ort für den Schwerpunkt Spiritualität, ein anderer für Soziales, für Glaubensbildung, Gemeinschaft … Kooperationen wären auf jeden Fall sinnvoller als eine einsame Gärtchenpflege.

Die aktuelle Kirche sehe ich als ein Gebäude, das mit unzähligen Möbeln und Requisiten völlig verstellt ist. Diese Enge verhindert jeden Bewegungsspielraum, Platz für Neues ist nicht vorhanden. Es ist Zeit, das Gebäude mit seinen Räumen zu entrümpeln und alles, was nicht mehr gebraucht wird, rauszustellen. In unserem Fall sind es z.B. Angebote und Dienstleistungen, die nicht mehr rege genutzt werden. Erst wenn das Gebäude leergeräumt ist, kann man Stück für Stück wieder einrichten. Und plötzlich sieht man, was ins Zentrum gehört.

Privaten Ausgleich? Schöne Momente mit der Familie und mit Freunden teilen, gutes Essen, Natur geniessen. Aber das lässt sich nicht so klar abgrenzen, es geht meistens ineinander über. Auch wenn ich in meiner Arbeit für die Kirche dasselbe mache – Kommunikation, wie in meinem beruflichen Alltag –, ist es ein privates Engagement, das ich gern leiste, auch weil ich Zeit mit tollen Menschen verbringen kann. Bei allem, was man unternimmt: Es muss einem guttun. Die Kombination von allem stimmt für mich.

Ich liebe es, in der Stadt Zürich zu leben, bin sehr glücklich hier. Die Stadt bietet einen Mix aus urbanem Leben und Natur, der sich so wohl kaum anderswo findet. Als halbe Valaisanne lässt bei mir das Wallis mit seinem mediterranen Leben vieles anklingen. Wenn ich aber von irgendwoher wieder in die Stadt zurückkomme, den See sehe, dann weiss ich: Ich bin in Zürich zu Hause. Nicht nur wegen unserer Pfarrei St. Josef, aber auch.

«Der Glaube ist doch ein grosses Suchen-Finden, oder?»

Monika Bieri
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Jorge Montoya-Romani
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Patricia Schnyder
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Marcel von Holzen
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Stella Vondra
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