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Stella Vondra

«Die Kirche muss sich als NPO verstehen.»

Stella Vondra von der Kirchenpflege Maria-Hilf (Zürich-Leimbach) hat mit 38 Jahren einen scharfen Schnitt in ihrer Biografie vollzogen und arbeitet neu als selbständige Strategie- und Finanzberaterin für NPOs. Da drängt sich eine Frage an die Ex-Bankerin geradezu auf: Lohnt es sich, in die Kirche Energie und Hoffnung zu investieren?

Ich erinnere mich noch gut daran, es war Ende 2014. Es stimmte einfach nicht mehr, ich war mir gegenüber nicht mehr ehrlich. Als Mutter wollte ich meinen Kindern Werte wie Ehrlichkeit, Solidarität oder Wertschätzung vermitteln – und gleichzeitig tat ich in meinem Beruf viel zu oft genau das Gegenteil, mit all meiner Energie. Ich war innerlich zerrissen, wusste, so kann es nicht weitergehen – und kündigte den gut bezahlten Job und beendete meine hart erarbeitete Karriere. Ja, es brauchte Mut für diesen Schritt. Gleichzeitig spürte ich in mir aber die Überzeugung, dass dieser unausweichlich sein würde. Gepaart mit einem Gottvertrauen, dass es gut kommen wird.

An einer solchen Wegscheide befinden sich wohl einige Menschen, wenn in der Mitte des Lebens die Frage nach dem Sinn aufkommt. Beim Aufbruch ins Leben, wenn man jung ist, stehen andere Themen im Mittelpunkt. In der Sturm-und-Drang-Phase scheint vieles auch noch möglich und erstrebenswert. Das ist auch gut so, hoffentlich! Mit der Familie, mit dem Zur-Ruhe-Kommen und Sich-Niederlassen ändert sich der Blick auf vieles.

Ich erlebe die Kirche wie einen Schiffshafen, bildlich gesprochen, denn wenn wir ins Leben hinaussegeln, steuern wir irgendwann einmal wieder unseren Heimathafen an. Aber meistens kann niemand sagen, wann das sein wird. Seien wir ehrlich: Ein 20-jähriger Jugendlicher kommt am Sonntag um 10 Uhr nicht zur Messe – er kommt eher gerade aus dem Ausgang heim und hat erst mal andere Bedürfnisse …

Die Kirche sehe ich aber trotz allem als wichtige Säule während des Aufwachsens. Besonders heute, denn die Umstände für Familien haben sich verändert, sie sind komplexer und anspruchsvoller geworden. Selbst wenn Eltern für ihre Kinder Zeit aufwenden möchten und können, stehen sie selber unter Druck und Zeitnot. Der Arbeitgeber verlangt Flexibilität und Leistungsbereitschaft. Viele Eltern pendeln, Verwandte und Freunde wohnen nicht in der Nähe, es kommt so vieles zusammen.

Das bedingt eine Kirche, die das heutige komplexe Leben versteht. Das Angebot der Kirche muss so ausgerichtet sein, dass es seinen Platz in diesem Leben findet. Ja, das Angebot der Kirche muss sich nach den Menschen richten, nicht umgekehrt. Dies ist wohl die Krux am Ganzen, dass die Kirche vielerorts noch nicht im Leben ihrer Mitglieder, oder Noch-Mitglieder angekommen ist.

Fairerweise muss man aber auch sagen, dass bei vielen Menschen der Umgang mit ihrer Spiritualität etwas Persönliches ist und nicht nach aussen dringt. Auch in unruhigen Zeiten suchen viele Menschen Ruhe in der Spiritualität, aber die Suche führt sie weg von der Kirche. Einerseits steht die Kirche genau für diesen Aspekt des Lebens, andererseits bietet sie zu wenig Raum für Menschen, die weniger spirituell oder religiös sind.

Wo die Eltern die Kirche verlassen, rücken auch die Kinder nicht in die Kirche nach. Für ein Kind sind die Eltern die Wegbereiter, die den Schritt über die erste Schwelle zum Glauben ermöglichen. Später, aus freien Stücken, wird der Zugang zur Kirche schwieriger. Katholisch zu sein, hat sehr viel mit Prägung und Vermittlung von Ritualen zu tun. Aber nicht nur.

Ein grundlegenderes Problem sehe ich bei der Kirche selber. Ihr Auftritt, ihre Wahrnehmung ist unglücklich. Sie fehlt ja nicht in der öffentlichen Wahrnehmung – nur, was im Auge des neutralen Beobachters bleibt, sind oft wenig professionelle Äusserungen zur Politik oder seelsorgerische Vorschriften, wie man zu glauben hat. Dazu kommen die wiederkehrenden Krisen durch Missbrauch. So entsteht ein Zerrbild der Kirche, das sehr unglücklich ist und alles andere als einladend.

Weiss denn die Kirche selber, wofür sie steht? Was ist ihr Selbstbild, wie möchte sie wahrgenommen werden? Was ist ihre Strategie und ihr Ziel? Bei diesen Fragen drückt nicht einfach die ehemalige Wirtschaftsfrau durch. Für mich sind dies Fragen, die sich grundsätzlich jeder Mensch im Leben stellen muss: Was zählt für mich? Was möchte ich erreichen? Was möchte ich in Beziehungen einbringen oder erhalten? Wie kann ich mein Leben gestalten, dass es diesen Themen entspricht?

In die Sonderkommission für das Projekt «Katholisch Stadt Zürich 2030» habe ich mich wählen lassen, da ich Fragen nach der Kirche der Zukunft entscheidend finde. Mit meinen beruflichen Erfahrungen in Finanzen, Strategieentwicklung und Management sollte ich einen Mehrwert beisteuern können, um dieses richtungsweisende Projekt weiterzubringen.

Das Projekt wird nicht alle offenen Fragen beantworten und für alle Probleme Lösungen finden können. Einen Gedankenprozess wird das Projekt aber auf jeden Fall anstossen. Es braucht eine gemeinsame Strategie.

In der Kirche höre ich immer wieder das Bedauern: Die Kirche verliere ihren Platz in der Gesellschaft. Das beobachte ich auch, das stimmt. Dieser Umstand lässt sich beklagen. Nur bedauern, dass es nicht mehr so ist wie früher, bringt nichts. Für mich ist es klar: Die Kirche muss sich den Platz in der Gesellschaft und bei den Menschen wieder erkämpfen. Zurückerkämpfen. Das geschieht nicht einfach so.

Aus meiner beruflichen Erfahrung weiss ich, dass man bei grossen Projekten nicht alle Baustellen auf einmal angehen kann. Besser eine um die andere, gezielt und strukturiert, damit man sich nicht verzettelt. Schliesslich geht es für die katholische Kirche in der Stadt Zürich um nichts anderes als um ihre zukünftige Daseinsberechtigung. Alles andere ist Augenwischerei.

Eine Pfarrei mit einem Unternehmen zu vergleichen, stimmt für mich. Ich bin mir aber bewusst, dass für viele kirchlich Engagierte Begriffe wie «Wirt– schaftlichkeit» oder «unternehmerisches Denken» Reizworte sind. Weniger problematisch mag daher der Vergleich mit einer NPO bzw. Non-Profit-Organisation sein. Das drückt aus, dass eine Kirchgemeinde zwar nicht Gewinne erzielen muss, aber der Wirtschaftlichkeit verpflichtet ist: Was liegt in meinem finanziellen Spielraum? Wo lohnen sich der Aufwand und die Kosten? Man könnte anmerken, dass die Kirche mehr ist als «nur» ein Verein. Aber auch die Kirche hat Mitglieder …

Ich bin als Mensch grundsätzlich optimistisch. Daher traue ich «meiner Kirche» auch diesen anspruchsvollen Schritt zu. Die jüngere Generation, die in den Pfarreien anpacken und gestalten möchte, die gibt es. Auf sie muss gesetzt werden. Ein weiterer Punkt, der mich optimistisch stimmt: Wir wissen nicht, wie sich unser Leben weiter gestalten wird. Materiell haben wir zwar alles, aber wir hungern anderweitig. Die Sinnsuche wird für Menschen immer ein Thema sein. Katholisch sein mit seinen Werten und Ritualen kann dabei eine Hilfe sein – wenn man will.

Zwingen zum Katholisch Sein kann man heute zum Glück niemanden mehr, missionieren sehe ich als falschen Weg. Aber sich bei den Menschen in Erinnerung rufen und vermitteln: Versuch es, lass dich doch darauf ein und schau mal. Die Kirche bietet die Möglichkeit, seinen eigenen Weg zu gehen – aber immer in Gemeinschaft mit andern und für andere.

«Das Angebot der Kirche muss sich nach den Menschen richten, nicht umgekehrt.»

Monika Bieri
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Jorge Montoya-Romani
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Patricia Schnyder
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Marcel von Holzen
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Stella Vondra
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